Schadstoffe in Innenräumen

Schadstoffemissionen werden bei Renovierungen und Sanierungen im Innenraum häufig durch Farben, Lacke, Lasuren und Kleber verursacht. Weitere Quellen sind Holzwerkstoffe, Kunststoffe, Teppiche, Möbel, Dichtungen, Dämmungen und Einrichtungen. Aber auch Langzeit-Wohngifte aus bereits vorhandenen Quellen werden gerade in alten Wohnungen und Häusern vorgefunden.

In diesem Altbau fand sich mit PCP und Lindan belastetes Balkenholz (Foto: Dr. Thomas Haumann).
In diesem Altbau fand sich mit PCP und Lindan belastetes Balkenholz (Foto: Dr. Thomas Haumann).

Da viele Modernisierungsmaßnahmen den „natürlichen“ Luftwechsel verringern, ist neben einer Sanierung der bereits vorhandenen Schadstoffquellen und einem realistischen Lüftungskonzept auch die Wahl schadstoffarmer Bauprodukte entscheidend, um eine gesundheitliche Beeinträchtigung der Bewohner zu vermeiden.

Häufig werden direkt nach einer Renovierung durch die neuen Bauprodukte und Einrichtungen chemische Stoffe an die Raumluft abgegeben. Im Fokus stehen hierbei Formaldehyd und Lösemittel oder Lösemittelersatzstoffe, die kurz- oder mittelfristig eine deutliche Raumluft- und Geruchsbelastung verursachen können. Einige dieser Stoffe sind chemische Additive und Hilfsstoffe, die das optische Erscheinungsbild, die Haltbarkeit und den Brandschutz von Bauprodukten und Einrichtungsgegenständen verbessern sowie die Verarbeitung erleichtern sollen.

Neben diesen „flüchtigeren“ Schadstoffen sind häufig auch noch Langzeit-Wohngifte vorhanden oder werden neu eingebracht. Zu diesen zählen neben den altbekannten Insektiziden, Motten- und Holzschutzmitteln auch modernere Zusatzstoffe in Form von Topfkonservierern, Flammschutzmitteln, Weichmachern, Stabilisatoren und Hautbildungsverhinderern.

Chronische Einwirkungen geringer Konzentrationen sind bei gleicher Gesamtaufnahme gesundheitlich gefährlicher als einmalige hohe Konzentrationen. Dies spielt bei Innenraumbelastungen eine besondere Rolle. Dabei liegt die schädliche Konzentration meist unter der wahrnehmbaren Geruchsschwelle.

Die gesundheitlichen Folgen von Schadstoffemissionen aus Baustoffen umfassen neben den krebsauslösenden Wirkungen auch Einflüsse auf Hormonstoffwechsel und Fruchtbarkeit. Sehr viele Schadstoffe weisen neuro- und psychotoxische Eigenschaften auf. Auch heute noch leiden viele Menschen durch die jahrelange Exposition gegenüber Holzschutzmitteln wie PCP und Lindan oder deren Verunreinigungen (Dioxine).

Lüftungskonzept ist wichtiger Faktor für gute Innenraumluft

Die Innenluft ist in der Regel deutlich schlechter als die Außenluft. Die nach DIN 1946-6 (2009-5) erforderlichen Luftwechselraten werden in der Praxis meist unterschritten und in modernen und energieoptimierten Wohnungen selbst mit regelmäßiger manueller Fensterlüftung der Raumnutzer nicht erreicht. Daher spielt die sorgfältige und realitätsbezogene Erstellung eines Lüftungskonzepts eine wichtige Rolle im Hinblick auf gute, schadstoffarme und geruchsneutrale Innenraumluft.

Bei der Planung auf das Kleingedruckte achten

Deutlich unterschieden werden muss zwischen Altlasten, den bereits vor Jahren oder Jahrzehnten eingesetzten Produkten in Wohnungen und Häusern, und dem aktuellen Angebot im Baustoffhandel. Zwar wurden im Laufe der Zeit einige besonders kritische Giftstoffe aus dem Verkehr gezogen, aber die Zahl eingesetzter Chemikalien und Additive ist gleichzeitig drastisch gestiegen. Alternative Naturprodukte gibt es für zahlreiche Anwendungen, häufig mit guten Eigenschaften und geringen Schadstoffgehalten. Es lohnt sich also, bei der Planung Weichen zu stellen und auf das Kleingedruckte zu achten.

In alten Wohnungen und Häusern lauern aktive Schadstoffe

Neben Asbest, Feuchtigkeit und Schimmelpilzen sind Schadstoffe wie Formaldehyd und schwerf lüchtige Langzeitgifte in älteren, bis in die 1980er-Jahre gebauten Wohnungen und Häusern für die meisten gesundheitsrelevanten Innenraumprobleme verantwortlich. Besonders betroffen sind zum BeispielFertighäuser (Formaldehyd, Biozide, Pilze),ältere Parkettböden (PAK, PCB), Holzflächen, -balken und -paneele im Innenraum (Pestizide, PCP, Lindan), Teppichböden (Pestizide) und in einigen Fällen Lacke und Beschichtungen (Pestizide, Weichmacher,Flammschutzmittel).
Manche Probleme lassen sich durch Versiegeln, Entfernen und Entsorgen der Quellen und abschließender Feinreinigung bei der Renovierung relativ leicht beseitigen. Leider fehlt hierbei in vielen Fällen der nötige Sachverstand, die richtigen Prüfungen und Bewertungen sowie die Festlegung der fachgerechten Vorgehensweise bei den Sanierungen. Deshalb empfiehlt sich im Verdachtsfall, einen erfahrenen Baubiologen oder Sachverständigen für Innenraumschadstoffe hinzuzuziehen.

Schadstoffe erkennen, messen und bewerten

Um die Schadstoff belastung in Innenräumen zu bestimmen, haben sich mittlerweile einige gängige Verfahren etabliert. Zu ihnen zählen die gezielte Probenahme von Raumluft, Hausstaub und Materialien für die Fachlaboranalytik.
Für Innenräume gibt es kaum rechtlich verbindliche Grenzwerte, die helfen könnten, die ermittelten Werte zu interpretieren. Arbeitsplatzgrenzwerte eignen sich hier für die Bewertung nicht. Die Situation von Risikogruppen wie Ungeborene, Schwangere, Kinder, Kranke, Sensible oder Allergiker sollte besonders berücksichtigt werden.
Es gibt jedoch einige Richtwerte von der Innenraumhygiene-Kommission des Umweltbundesamtes sowie von der WHO (air quality guidelines) und zahlreiche Datenbanken über Normal- und Hintergrundbelastungen in Innenräumen mit Orientierungswerten, zum Beispiel der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF). Mit ihnen lassen sich erste Auffälligkeiten erkennen. Mit einem Geruchsleitfaden bietet die AGÖF zudem eine gute Bewertungshilfe bei Gerüchen im Innenraum.
Der „Ausschuss zur gesundheitlichen Bewertung von Bauprodukten“ (AgBB), in dem neben den Ländergesundheitsbehörden auch das Umweltbundesamt (UBA) vertreten ist, hat weitere Prüfkriterien erarbeitet und daraus das sogenannte AgBB-Bewertungsschema für Emissionen aus innenraum-relevanten Bauprodukten entwickelt. Dadurch soll eine Grundlage für eine einheitliche und nachvollziehbare gesundheitliche Bewertung von Bauprodukten in Deutschland bereitgestellt werden.
Die Vorgehensweise bei der Produktprüfung und -bewertung wird über das Umweltbundesamt herausgegeben. Im Mittelpunkt stehen Produktprüfungen über Prüfkammerverfahren in Bezug auf leicht-, mittel- und schwerflüchtige Schadstoffe (VOC/SVOC). Ziel ist es, langfristig ausdünstende Produkte – vor allem Produkte für Bodenbeläge – zu erkennen und bewerten zu können.
Bewertet wird anhand der sogenannten NIK-Werte, worunter die niedrigsten (toxikologisch) interessierenden Konzentrationen für Innenräume im privaten und öffentlichen Bereich zu verstehen sind. Das AgBB-Schema stellt sicherlich einen guten Ansatz für Baustoff bewertungen und -prüfungen dar. Die derzeit gültigen NIK-Werte (Stand 2010) sind jedoch vergleichsweise hoch, und die AgBB-Bewertung kann somit nur die „Spitze des Eisbergs“ in Bezug auf innenraumrelevante Schadstoffausdünstungen kappen.
Auch die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) berücksichtigt in ihrem Zertifizierungssystem die chemische Innenraumhygiene. Spätestens vier Wochen nach Fertigstellung dürfen festgelegte Grenzwerte in Bezug auf TVOC (Summe der Lösungsmittel) und Formaldehyd nicht überschritten werden.

Sorgfältige Produktauswahl kann die Schadstoffemissionen senken

Mit allen Farben, Lacken, Klebern und Oberflächenversiegelungen – auch biologischen Produkten – sollte immer möglichst sparsam umgegangen werden. Während und nach einer Teppichverlegung, Parkettversiegelung, Möbellasierung, Tapezieren und Streichen sollte reichlich und anhaltend gelüftet werden. Sensible Personen sollten sich in der Anfangszeit nicht in den Räumen aufhalten.

Bei Teppichböden sollte auf garantiert biozidfreie Ware und textile Rücken aus Naturfasern geachtet sowie auf eine flächendeckende Verklebung verzichtet werden. Der Verzicht auf Spanplatten oder die Verwendung von wirklich formaldehydfreien Produkten schränkt die Formaldehydgefahr stark ein.

Orientierungshilfen bieten Hinweise wie lösemittelfrei, weichmacherfrei, halogenfrei, acrylatfrei, frei von Konservierungsstoffen (zum Beispiel ohne Isothiazolone), ohne Mottenschutz und Biozide (zum Beispiel ohne Permethrin und andere Pyrethroide) usw. Weitere Hilfestellungen liefern Umweltlabels und -prüfungen wie die „Öko-Test“-Bewertung, das „Naturplus“-Qualitätszeichen und Prüfsiegel eines unabhängigen Prüfinstituts, wie beispielsweise dem eco-Umweltinstitut. Auf PVC-Produkte (Bodenbelag), Vinyltapeten und Styroporplatten sollte im Innenraum möglichst verzichtet werden. Vorsicht ist bei Polyurethan-(PU)-Produkten geboten (Farben, Lacke und Matratzenschäume). Diese können giftige chlorierte Flammschutzmittel enthalten. Wichtig ist es, produktbezogene technische Merkblätter oder Sicherheitsdatenblätter einzusehen. In ihnen sind wichtige Inhaltstoffe sowie Hinweise und Einstufungen nach GISCODES zu finden. Mit einer sorgfältigen Produktauswahl können die Schadstoffemissionen bei der Planung von Sanierungs- und Modernisierungsmaßnahmen minimiert werden.B-B

Quelle: B+B Bauen im Bestand ❘ 1.2013
Autor: Dr. Thomas Haumann

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